Liebe Paula, was hat es mit „Paula liebt dich“ auf sich?


Bei der Kampagne geht es um die Vermittlung eines neuen Körpergefühls, eines neuen Selbstverständnisses um Selbstliebe – sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Auch wenn Frauen von dem Nichtlieben ihrer eigenen Person häufiger betroffen sind, ziehen die Männer doch stark nach.

Wie bist Du darauf gekommen, Selbstliebe zum Thema zu machen?

Auch ich werde relativ oft beschimpft dafür, dass ich nicht schlank und mager bin, sondern eher eine runde Frau. Es ist verletzend, und ich habe lange gebraucht, um mit solchen Anfeindungen klarzukommen. Dann habe ich aber angefangen zu überlegen, warum das eigentlich so ist.

Warum fühle ich mich schlecht mit mir selbst? Warum müssen sich überhaupt Menschen schlecht mit sich selbst fühlen und, ganz wichtig, was kann ich tun, wenn sich jemand schlecht mit sich selbst fühlt? Aus diesem Grund habe ich diese Kampagne ins Leben gerufen, denn wir brauchen eine Bewegung, die auf dieses Thema aufmerksam macht.

Wahre Sexualität kommt viel leiser, stiller und intensiver daher als das wilde Rumgerammel.

Wie hast Du es geschafft, Dich selbst zu lieben?

Ich habe angefangen, mich anzusehen, habe mich lange im Spiegel betrachtet und mir überlegt, warum ich mich überhaupt so ablehne. Was davon ist real und was pure Einbildung? Und ich habe mich gefragt, warum ich mich über Bauchpolster und einen dicken Hintern definiere, denn das macht mich überhaupt nicht aus. Ich bin doch nicht nur Bauch oder Arsch. Doch das ist die Falle, in die ganz viele Frauen laufen. Sie denken, das Äußere ersetzt das Innere, was natürlich absoluter Quatsch ist.

Inwieweit sind die Liebe zu sich selbst und Sex miteinander verbunden?

Ich bekomme sehr viel Post und merke, dass ein Großteil der Frauen sich in Beziehungen befindet, die einfach Schrott sind. „Wie kann ich meinem Mann noch besser dienen?“ – „Welche Stellung muss ich draufhaben, damit er mich nicht verlässt?“ Das ist der Tenor vieler E-Mails.

Das erschüttert mich immer wieder, denn wenn man sich selbst fragt, was einem guttut, wenn man sich selbst in den Mittelpunkt stellt – ohne dabei egozentrisch zu sein –, stellt man solche Fragen nicht, dann gibt man solchen Typen einen Fußtritt. Dazu ist man aber natürlich nicht in der Lage, wenn man das Gefühl hat, dankbar sein zu müssen, dass sich überhaupt jemand mit mir abgibt.

Auch wenn dieser jemand mich schlecht behandelt, doch etwas anderes habe ich ja nicht verdient. Und diese Art von Sexualität, wie sie meiner Meinung nach in deutschen Schlafzimmern überwiegt, ist natürlich auch rein funktional.

Inwiefern?

Frauen, die sich wie Pornostars benehmen, nur damit ihr Partner seinen Freunden erzählen kann, wie cool seine Partnerin ist, wie laut sie schreit und welche Stellungen sie alles draufhat. Das hat aber nichts mit wahrhaft erlebter Sexualität zu tun.

Diese kommt viel leiser, stiller und intensiver daher als dieses wilde Rumgerammel, was die meisten Leute fälschlicherweise als Sex bezeichnen und bei vielen Frauen sogar eine große Leere hinterlässt, während es für Männer häufiger okay ist. Doch für Frauen muss es eben mehr als das sein. Und das zeichnet Frauen voller Selbstliebe auch aus, dass sie in der Lage sind, Sexualität einzufordern.

Wie kommt der wahre Sex in die Schlafzimmer (zurück)?

Erst einmal müssen die Leute verstehen, dass es einen Unterschied zwischen Erotik und Sexualität gibt. Erotik kann gern auch mal das Spiel sein, sich wie ein Pornostar zu benehmen, Sexualität hingegen ist eine Verbindung von Menschen, die ganz tief im Inneren stattfindet.

Sie hat nichts mit großen Bewegungen und Rumgehampel zu tun, sondern das kann etwas ganz Stilles und Langsames sein. Und die Leute müssen erst einmal verstehen, worum es überhaupt geht, und lernen, aus der Hyperaktivität in eine Ruhe zu kommen, um Sexualität überhaupt zuzulassen – auch wenn man schon lange zusammen ist.

In Langzeitbeziehungen ist der Sex häufig komplett eingeschlafen. Wie erweckt man ihn wieder?

Wenn wirklich noch Liebe im Spiel ist, gibt es eine ganz einfache Übung aus der Sexualtherapie, nämlich sich zum Sex zu verabreden. Man sagt, Dienstag und Donnerstag ist es so weit – egal ob wir Lust haben oder nicht.

Und das funktioniert?

Wenn drumherum die Kommunikation stimmt, ist es erstaunlicherweise so, dass der Sex wieder ins Fließen kommt und oft besser wird als je zuvor. Ein Fehler, der auch häufig gemacht wird, ist, dass Sex einen viel zu hohen Stellenwert hat.

Bitte erläutern Sie das näher.

Wir reden ja auch nicht darüber, was wir als nächstes Essen. Und Sex ist wie Essen, ein Grundbedürfnis und nicht die schönste Nebensache der Welt, sondern eine der wichtigsten Hauptsachen. Wenn man das so wahrnimmt, verschwindet automatisch auch der Druck dahinter, und Sex beginnt wieder Spaß zu machen und leidenschaftlich, nicht pornografisch, zu sein.

Bitte geben Sie unseren Lesern fünf Tipps für ein gesundes Sexualleben.

  1. Fernseher, Smartphone, Tablet raus aus dem Schlafzimmer.
  2. Einmal die Woche darf jeder 15 Minuten über seine Gefühle der vergangenen Woche reden – ohne vom anderen unterbrochen zu werden. Das kann ganz banales sein, aber auch knackigeres, wie „Ich fühle mich nicht genug berührt“.
  3. Nicht mit überhohen Erwartungen gemeinsam ins Bett gehen. Sex darf auch mal Scheiße sein – aber eben nicht nur. Es ist aber einfach falsch, immer das gigantische Feuerwerk zu erwarten. Es gibt auch einfachen Gebrauchssex, der gut ist.
  4. Schöne Übung: Während der ganzen Nummer versuchen Augenkontakt zu halten. Das ist kniffelig, aber da passiert sehr viel in einem selbst. Natürlich muss man nicht anfangen zu starren, aber versuchen in den anderen Einzutauchen und zu gucken, was in einem selbst passiert, die Gefühle zulassen.
  5. Von erotischen Spielzeugen halte ich nichts, da sie mit Sexualität nicht viel zu tun haben, sondern eher Aufgeilhilfen sind. Wer Sexspielzeuge braucht, soll sie nutzen. Ich bin ein Penisfan. Und wer gut miteinander swingt, soll es tun, aber es ist nie eine Rettung. Viele denken, solche Clubs oder Spielzeuge sind die Rettung für ihr erlahmendes Leben oder als ein Ersatz für wahre Gefühle – und einer leidet oft darunter.

Weitere Informationen unter: www.paulalambert.de