Anna Thomann, 1950 in einem sauerländischen Bergdorf geboren, liebt eine Frau. Sie war deswegen zeit ihres Lebens Diskriminierungen ausgesetzt, ein von ihr mitgegründetes Frauenferienhaus wurde 1987 in Brand gesteckt und sie wurde auch in der eigenen Familie immer wieder ausgegrenzt. Der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld hat Anna Thomann ihre Geschichte erzählt – für das „Archiv der anderen Erinnerungen“.

Dieses beeindruckende Interviewprojekt beschäftigt sich mit den persönlichen Auswirkungen von Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches auf homosexuelle Menschen vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren. Der Paragraf bildete lange Zeit die Grundlage für die strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen: Schwule Männer, lesbische Frauen sowie trans- und intergeschlechtliche Menschen erlebten Gewalt, Ausgrenzung und Diffamierung. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld will ihnen eine Stimme geben: Betroffene werden ausführlich befragt und dabei auf Video aufgenommen. Die Filme sind eindringliche historische Quellen, die tiefe Einblicke in das Thema geben.

Die lebensgeschichtlich-narrativen Interviews mit den Zeitzeugen werden auf Basis von Leitfäden und halboffen geführt: Die Gesprächspartner können dadurch die Schwerpunkte ihrer Erzählungen selbst bestimmen und ihre Sichtweise auf Erfahrungen und Erlebnisse darstellen. Individuelle und persönliche Einschätzungen und Empfindungen werden in den Mittelpunkt gerückt. Die Stiftung, die sich auch für die Rehabilitierung der Opfer einsetzt, ist überzeugt davon, dass diese Erinnerungen verblassen und zu verschwinden drohen. Deshalb soll dieses Kapitel deutscher Geschichte bewahrt und für Bildung und Forschung zugänglich gemacht werden.

In der ersten Projektphase werden vor allem Interviews gesammelt und archiviert. In Zukunft sollen diese dann der Forschungs- und Bildungsarbeit zugänglich gemacht werden und später gemeinsam mit Kooperationspartnern wie Universitäten oder Bildungseinrichtungen ausgebaut werden. Eine systematische Auswertung der Interviews soll eine Online-Datenbank möglich machen, die Wissenschaftlern wie auch interessierten Laien den Zugang zu dem Filmmaterial möglich macht.

Die Protagonisten der Aufnahmen sind Personen, die direkt oder indirekt von den Auswirkungen des Paragrafen 175 betroffen waren. Ihre Erzählungen handeln von Mut, Akzeptanz und Durchsetzungsstärke, von Ausgrenzung, Haft und Gewalt. Einige der Interviewten vertrauen ihre Geschichte erstmals jemandem an. Entsprechend persönlich sind die Schilderungen, entsprechend groß ist auch die Überwindung, überhaupt vor einer Kamera über das Erlebte zu sprechen, und entsprechend behutsam erfolgt die Begleitung durch die Stiftung.

Für das „Archiv der anderen Erinnerungen“ wurden in den Jahren 2013 bis 2016 bisher insgesamt 28 Interviews mit einer Länge von gut 90 bis fast 400 Minuten geführt. Da die bereits durchgeführten Interviews nun behutsam erschlossen werden, sind neue Interviews erst wieder ab 2017 möglich, doch interessierte Zeugen können sich gern schon jetzt bei der Stiftung melden