Herr Thelen, sprechen Sie mit Ihrem Kühlschrank?

Mit meinem Kühlschrank spreche ich noch nicht - aber mit Alexa, Siri oder dem Google Assistant rede ich viel - und zwar auf verschiedenen Devices, von der Apple Watch über das Smartphone bis hin zum Smart-Speaker. Sprachassistenten sind im Gegensatz zum Kühlschrank sehr schnell Bestandteil unseres Lebens geworden und vernetzen sich mit unserer digitalen Umwelt.

Sie sind das aktuelle Bindeglied zwischen uns Menschen und dem Internet of Things (IoT).  Und natürlich jagt unser Hund dem Roboterstaubsauger hinterher. Man sieht, ich probiere gerne neue Gadgets und Apps aus - genutzt wird aber nur das, was das Leben auch wirklich erleichtert - oder extrem viel Spaß macht.

Ist „Smart Technology“ aus Investorensicht eigentlich ein sinnvoller Sammelbegriff? Ist die „Smartisierung“ unseres Lebens ein Megatrend, der „sich immer lohnt“?

Smart Living ist irgendwo natürlich auch ein Buzzword, hinter dem ganz viele verschiedene Produkte in verschiedenen Lebensbereichen stehen. Es ist also alles in allem ein riesiger Markt, der aus Investorensicht interessant und vielschichtig ist. Manches wird dabei seit Jahren auf Messen gezeigt, hat sich aber nicht durchgesetzt; anderes setzt sich schneller durch, als Experten es prognostiziert haben.

Sie beschreiben sich selbst prominent als „geek“, als tendenziell nerdiger Gadget-Freak. Müssen Sie sich bei manchen Projekten Ups selbst bremsen, weil gerade nicht der kluge Investor in Ihnen regiert, sondern der leidenschaftliche Bastler – der eventuell etwas total Unsinniges unterstützt, einfach weil’s neu und „geeky“ ist?

Sicher gibt es manchmal Produkte und Ideen, die mich aus Geek-Sicht begeistern. Aber glücklicherweise entscheiden wir bei Freigeist im Partnerkreis über neue Investments. Wir prüfen sehr genau, ob es einen Markt gibt und ob die Idee überhaupt technisch umsetzbar ist. Ein gutes Beispiel ist Lilium, unser “Flugtaxi”-Investment.

Das Konzept hat mich sofort begeistert, aber ich hatte große Zweifel, ob das technisch überhaupt schon machbar ist, es hörte sich einfach zu sehr nach Science-Fiction an. Erst nach intensiver Prüfung haben wir uns für die Beteiligung entschieden. Dass wir mit dieser Einschätzung richtig lagen, hat der erfolgreiche Jungfernflug bewiesen.

Die Vision eines total „smartisierten“ Lebens kennen wir aus der Science Fiction: interaktive Oberflächen, intuitive Interfaces, intelligente Assistenzsysteme überall,  am besten automatisch steuerbar per implantierten Microchip. Wie sehen Sie die Zukunft in dieser Hinsicht? Was wird flächendeckend praktikabel für Privatpersonen, was wird „teurer Schnick-Schnack“ bleiben?

Natürlich wird das Leben um uns herum immer smarter werden. So wird uns zum Beispiel in Zukunft das Smartphone nicht nur mittels Fingerabdruck oder Gesichtszügen erkennen, sondern an der Art und Weise, wie wir es hochheben. Unser Auto öffnet sich, sobald wir davor stehen. Es bremst, wenn ein Hindernis auf der Straße erscheint und fährt uns auf Wunsch schon fast ganz autonom ans Ziel. Auf einem öffentlichen Terminal sehen wir die Informationen, die wir gerade brauchen - da wir direkt erkannt werden und alles in der Cloud liegt. Unsere Smartwatches erinnern uns daran, uns genug zu bewegen und können uns warnen, wenn unser Blutdruck gerade zu hoch oder zu niedrig ist.

Da Sensoren und Chips immer günstiger werden, werden solche Technologien grundsätzlich auch jedem zur Verfügung stehen können. Dass es natürlich auch immer Luxus-Ausführungen solcher Gadgets geben wird, ist klar. Aber das ist doch auch jetzt schon nicht anders: Ich kann mir eine Uhr für 10, 100 oder 10.000 Euro kaufen - die Zeit anzeigen tun sie alle.

Manche Dinge werden aber auch auf lange Sicht recht teuer bleiben: wandfüllende Touchscreens aus Mosaiksteinen zum Beispiel, oder wenn man immer die aktuellste Version eines Produkts haben will. Die Spitze der Entwicklung bleibt teuer. Aber es werden immer mehr Services günstig verfügbar werden, die jeder per App nach Bedarf anfordern kann – zum Beispiel einen autonom fliegenden E-Jet. So trägt die Digitalisierung auch dazu bei, dass Dinge, die sich vorher nur wenige leisten konnten, für viele verfügbar werden.

Ob aber der implantierte Mikrochip so bald für jeden kommt, wage ich jedoch zu bezweifeln. Wichtig ist, dass jeder selbst entscheiden kann, inwieweit er Dienste nutzen will, die mit der Nutzung seiner persönlichen Daten verbunden sind. Hier stellen sich viele rechtliche, gesellschaftliche und damit politische Fragen.

Im Mai dieses Jahres traf sich zum ersten Mal das „Innovation Council“. Das Amt der Digitalstaatsministerin gibt es auch noch nicht so lange – warum ist die Gesellschaft im Allgemeinen, die Politik im Speziellen eigentlich so langsam in Sachen Neue Technologien?

Die technologische Entwicklung ist derzeit so schnell wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Und der Mensch ist an sich ein Gewohnheitstier, das Veränderungen nicht so schätzt. Gerade in Deutschland haben wir ja oft diese “Das haben wir schon immer so gemacht”-Einstellung. Ich musste auch lernen, dass politische Prozesse ohnehin sehr lange brauchen, schauen wir uns mal das Beispiel IT in der Schule an - da müssen Lehrpläne aufgestellt, Lehrmittel geschrieben, Lehrer geschult und Hardware angeschafft werden. Bis das alles durch ist, sind wir technisch schon zwei Generationen weiter. Dass das alles auch kostet, ist natürlich ein weiteres Problem. Dann ist Bildung auch noch Ländersache - das ganze Prozedere also mal 16. Und wenn dann noch Landtagswahlen dazwischen kommen, dauert es noch länger...

Und das ist ja nur ein kleiner Bereich, es geht ja noch um viel mehr: wie können und dürfen sich autonome Fahrzeuge auf Straßen bewegen? Wer haftet bei Fehlentscheidungen einer KI? Welche Regeln gelten für Flugtaxis? Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, wie sie schneller auf die technischen Entwicklungen reagieren kann. Da muss in den Köpfen vieler Politiker noch ein Umdenken stattfinden.