Von der Theorie zur Praxis: Wie sollten Arbeitgeber die LGBT-Zielgruppe fördern?

René Behr

Das, was man eigentlich fördern soll, ist die Wertschätzung der Vielfalt. Sexuelle Orientierung stellt nur eine der Dimensionen dar, auf die dieser personalstrategische Ansatz eingeht. Erfolgreiches Diversity Management ist ganzheitlich, damit keine Gruppe benachteiligt wird.

Wie profitieren Unternehmen von Diversity und welche Vorteile haben Mitarbeiter dadurch?

Susanne Hillens

Eine lebendige, ernst gemeinte Diversity-Kultur zahlt sich für Unternehmen doppelt aus: Sie steigert den Gewinn und bringt zufriedenere Mitarbeiter. Wer sich mit seiner ganzen Lebenssituation im Unternehmen wahrgenommen und gefördert fühlt, arbeitet kreativer und effektiver. Sich nicht verstecken müssen setzt Energien und Potenziale frei. Davon profitieren auch die Unternehmen.

Stichwort Antidiskriminierung...

René Behr

Eine Voraussetzung für den Erfolg und zugleich ein Ergebnis von gutem Diversity Management. Die Unternehmensleitung muss den ersten Schritt machen und diskriminierendes Verhalten glaubhaft, klar und deutlich verurteilen. Zweitens muss es klar sein, dass auch sexuelle Orientierung und Religion gemeint sind, indem man diese Worte benutzt und nicht um den heißen Brei herumredet.

Welchen Mehrwert bieten spezielle Programme zur Förderung der Vielfalt unter den Mitarbeitern?

Susanne Hillens

Das fängt schon bei Stellenausschreibungen an. Unternehmen, die von vornherein Vielfalt ausstrahlen, laden kreative Köpfe dazu ein, sich zu bewerben. Im Wettbewerb um die besten Fachkräfte ist das ein Vorteil. Im Unternehmen können zum Beispiel Workshops Barrieren abbauen. Vorbildliche Führungskräfte sind das eine, aber Mitarbeiter(innen) müssen mitgenommen werden. Hinter Vorbehalten steckt oft einfach nur Unsicherheit oder Unwissen. Wir oder der VK unterstützen dabei.

Wofür setzt sich der Zusammenschluss des Völklinger Kreis e. V. ein?

René Behr

Als Berufsverband fördern wir den beruflichen Erfolg unserer Mitglieder – insbesondere durch Vernetzung und Erfahrungsaustausch. Wir schauen über unseren eigenen beruflichen Tellerrand hinaus und engagieren uns in der Gesellschaft und der Arbeitswelt für ein ganzheitliches Diversity Management sowie für die Gleichstellung von Homosexuellen. Dies erreichen wir unter anderem mit politischen Vorschlägen, Pressearbeit und Aktionen, aber auch mit konkreten Projekten in der Praxis.

Welche Zeichen wollen die Wirtschaftsweiber e. V. setzen?

Susanne Hillens

Unser Claim sagt es treffend: Lesbisch. Erfolgreich. Wir wollen ein starkes, positives und sichtbares Bild nach außen setzen. Auch wenn Frauen, Lesben und Trans*-Menschen sichtbarer geworden sind, gleichberechtigt sind sie nicht. Eine englische Wissenschaftlerin hat das vor Kurzem gut auf den Punkt gebracht: Das ist, als ob Sie einer Gipfelstürmerin im Tal zusätzlich 100 Kilo in den Rucksack packen. Sie schafft’s nach oben, aber zu welchem Preis? Wir wollen peu à peu die Kilozahl verringern.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell für den LGBT-Diversity-Bereich?

Beide

Die erste Herausforderung, die sich seit Jahren herauskristallisiert: die Idee des ganzheitlichen Diversity Management auch im Mittelstand zu verankern. Die zweite Herausforderung ist bedrohlicher: Intoleranz und Menschenfeindlichkeit verbreiten sich unter dem falschen Deckmantel „konservativ“. Da werden Vorurteile gesät und Halbwahrheiten verbreitet. Das betrifft Schwule und Lesben genauso wie Migrant(inn)en oder Frauen, die auf häusliche Aufgaben reduziert werden sollen. Das macht mir persönlich Sorge.

Eine berechtigte Sorge, finde ich. Deutschland rutscht im europäischen Vergleich immer weiter ab, wurde gerade erst von Griechenland überholt bei den LGBT-Rechten. Tendenzbetriebe wie die Kirchen dürfen gesetzlich sanktioniert ihre Arbeitnehmenden diskriminieren. Lesben und Schwule werden mit einer Lebenspartnerschaft abgespeist. Immer wieder kommen mir von Trans*-Menschen heftige Mobbing-Geschichten zu Ohren. Junge Menschen mit Migrationshintergrund finden erst gar keinen Job. Und das alles gepaart mit einer immer stärker auftretenden Rollback-Bewegung. Da müssen wir sehr wachsam sein und dürfen nicht nachlassen.