Theresa Finke

Wie bist du auf die Idee gekommen, zur Jagd zu gehen?

Wie bei vielen anderen, war es mein Vater, der mich an die Jagd mit all ihren Facetten heranführte. Von klein auf war es für mich selbstverständlich, ihn in den Wald zu begleiten, bei der Jagd dabei zu sein und Wild zu essen. Nach ein paar Jagderlebnissen und dem Kauf meines Zwergrauhaardackels Moritz, mit der Bedingung ihn jagdlich auszubilden, entschied ich mich dann mit 15 Jahren dazu den Jagdschein zu machen.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten muss man mitbringen, um Jägerin zu werden?

Meiner Meinung nach, sollte man naturverbunden und verantwortungsbewusst sein. Ersteres sollte wohl selbstverständlich sein und letzteres ist unverzichtbar, wenn man mit einer Waffe hantiert und die Verantwortung für Flora und Fauna übernimmt.

Der Jagdschein wird auch „Grünes Abitur“ genannt. Ist die Prüfung wirklich so schwierig? Was gehört alles dazu?

Die Bezeichnung „Grünes Abitur“ ist vollkommen gerechtfertigt! Ich persönlich habe für meinen Jagdschein mehr gelernt als für mein Abitur. Meinen Jagschein habe ich „traditionell“ bei uns im Hegering gemacht. Das hieß für mich über ein halbes Jahr jeden Dienstag und Donnerstag für zwei Stunden die Jagschule zu besuchen. Später kam dann noch jedes Wochenende der Besuch auf dem Schießstand dazu. Und natürlich muss man auch in seiner Freizeit oft über den Büchern sitzen – „Mal eben“ geht das nicht.

Was war für dich die größte Hürde?

Für mich war die größte Hürde der Kipphase bei der Schießprüfung. Zuerst hat alles noch ganz gut geklappt, doch je näher die Prüfung rückte, desto mehr verließen mich meine Nerven. Das führte letztendlich dazu, dass ich beim ersten Versuch durch die Prüfung rasselte. Vier Monate später, gewappnet mit einem besseren Nervenkostüm, habe ich allerdings auch diese bestanden.

Warum interessieren sich immer mehr Frauen für den Jagdschein?

Sieht man sich die steigenden Bewerberzahlen der Jagschulen an, gewinnt man den Eindruck, dass das Thema Jagd im Moment viele Menschen erreicht. Immer mehr machen sich Gedanken darüber, woher das, was sie essen, kommt. Gerade Frauen sind meiner Meinung nach recht sensibel für dieses Thema. Außerdem denke ich, dass auch die sozialen Medien mehr auf das Thema „JägerINNEN“ aufmerksam machen, und somit der ehemaligen „Männerdomäne”, die Hemmschwelle nehmen.

Jagen Frauen anders als Männer? Welche Unterschiede gibt es?

Grundsätzlich bin ich dagegen, immer wieder Unterschiede zwischen Jägern und Jägerinnen zu thematisieren. Im Endeffekt gehen wir alle, ob Männlein oder Weiblein, der gleichen Leidenschaft nach. Wir leben die Jagd mit all ihren Facetten. Vielleicht handeln Frauen etwas überlegter und sind mit etwas mehr Gefühl bei der Sache, aber das ist sicherlich auch immer personen- und situationsabhängig.

Warum muss gejagt werden? Muss überhaupt gejagt werden?

Heutzutage leben wir in einer Kulturlandschaft. Auch der Wald, in den wir gehen, um die Natur zu suchen und zu erleben, ist nicht mehr natürlich, sondern von Menschenhand gemacht. Wir Menschen nehmen dem Wild immer mehr Lebensraum, zersiedeln die Landschaft und legen immer mehr und größere Ackerflächen an, um unserem Konsum gerecht zu werden. Somit müssen wir den Bestand des Wildes an die gegebenen Lebensverhältnisse anpassen. Würden wir das nicht tun, wären Wildtierkrankheiten, Seuchen (ASP), vermehrte Wildunfälle, immense Wildschäden und auch das Aussterben bestimmter Arten die Folge.

Werden wirklich nur so viele Tiere getötet wie unbedingt nötig?

Was viele gar nicht wissen ist, dass wir Jäger in vielen Bundesländern leider immer noch von dem jeweiligen Kreis einen Abschussplan vorgegeben bekommen, den wir zu erfüllen haben. Dort wird abhängig von der Größe und Struktur des jeweiligen Revieres festgelegt, wie viel wir von einer bestimmten Wildart erlegen müssen. Tun wir das nicht, begehen wir eine Ordnungswidrigkeit. Auch wir Jäger hegen unser Wild in der Regel lieber als es erlegen zu müssen, aber das Erlegen gehört nun mal dazu. Nur so kann ein gesunder Wildbestand erhalten werden. Wie neue Verfahren in einigen Bundesländern zeigen, versteht es die Jägerschaft aber auch ohne behördliche Gängelung sehr gut, einen artenreichen und dem Biotop angepassten Wildbestand aufrecht zu erhalten.

Fällt es schwer, ein Lebewesen zu töten?

Natürlich ist es nicht einfach, über Leben und Tod zu entscheiden. Ich liebe Tiere, bin mit ihnen groß geworden. Und auch für mich gibt es nichts Schöneres als das Wild zu beobachten. Aber wer jagen gehen möchte muss sich früher oder später damit anfreunden, dass er Leben nehmen wird. Nach meinem ersten erlegten Stück Wild habe ich auch geweint und noch oft darüber nachgedacht. Dennoch bin ich der Meinung, damit der Natur einen unerlässlichen Dienst zu erweisen.

Was sind weitere Aufgaben der Jagd?

Das eigentliche Schießen und Erlegen des Wildes macht bei der Jagd vielleicht 2% aus. Wir Jäger kümmern uns zum Beispiel auch um das Anlegen von Wildäckern, damit das Wild, in seinen heute oft sehr artenarmen Lebensräumen ein größeres und noch ausgewogeneres Nahrungsangebot findet, suchen und retten Kitze vor der Mahd, stellen Salzlecken für den Mineralhaushalt der Tiere auf, sammeln Müll aus den Wäldern, müssen gegenüber dem Landwirt entstandene Wildschäden begleichen, sind bei Wildunfällen zu allen Zeiten vor Ort...Diese Liste könnte ich jetzt noch eine Weile fortführen.

Wie war es, das erste Mal ein Wildtier aufzubrechen?

Ich fand es unheimlich interessant, mein erstes Stück Rehwild aufzubrechen. Natürlich ist es etwas gewöhnungsbedürftig, aber wann bekommt man mal die Gelegenheit einen Körper so zu sehen? Besseren Biologieunterricht könnte ich mir nicht vorstellen. Außerdem gehört es halt einfach dazu - ich möchte ja ein hochwertiges Lebensmittel gewinnen.

Was bereitet dir die größte Freude beim Jagen?

Da gibt es vieles. Egal, ob ich das Glück habe ein Kitz bei den ersten Schritten zu begleiten, einen starken gesunden Rehbock beim Äsen zu beobachten, meinem Hund bei der Arbeit zu zusehen, die Freude über einen nach waidmännischen Regeln richtigen Abschuss, das Gefühl nach einem erfolgreichen Jagdtag, oder die Gesellschaft von Freunden mit der gleichen Passion – Die Jagd verändert das Leben und wird zu einer Lebenseinstellung die einem tagtäglich Freude bereitet.

Was sind die größten Vorurteile, denen du immer wieder begegnest?

Ein häufiges Vorurteil, dem ich immer wieder begegne, ist, dass wir Jäger nur aus purer Freude am Töten jagen. Aber mal ehrlich – Natürlich spielt bei der Jagd der Jagdinstinkt mit und man möchte Beute machen. Aber der Reiz der Jagd ist eben nicht das schlussendliche Töten, sondern das Überlisten des Wildes und letztendlich das Auswählen eines passenden Stückes nach waidmännischen, das heißt biotopgerechten und moralischen Grundsätzen. Ginge es nur um den reinen „Tötungsakt“, könnte ich, überspitzt gesagt, auch einfach in einem Schlachthof arbeiten und meinem Trieb jeden Tag freien Lauf lassen.

Ein weiterer oft vorgebrachter Kritikpunkt ist der Vorwurf der Unsinnigkeit der Regulierung von Wildbeständen. Die Rückkehr von Großprädatoren (Wolf) würde hier für natürlichen Ausgleich sorgen. Hierzu ist zu sagen, dass dies zwar in naturbelassenen Lebensräumen wie Alaska oder Sibirien möglich ist, dies aber in unserer Kultursteppe wohl Wunschdenken bleiben muss. Es fehlen große und zusammenhängende Lebensräume, die weder durch Siedlungen, noch durch Schienen- und Straßennetze zerschnitten sind. Auch Nutztierhaltung und Weidewirtschaft müssen in unseren Bereichen ohne übermäßige Wolfsrisse möglich sein. Weidewirtschaft formt schon seit Jahrhunderten große deutsche Landschaften (Heide, Wiesen).

Kritik wird häufig von Kreisen geäußert, die die Hintergründe der Jagd nicht kennen. Verstädterung der Bevölkerung und fehlender Bezug zu ländlichen Verhältnissen, wird durch entsprechende Gruppen oft ausgenutzt, um gegen die Jagd Stimmung zu machen. Mehr Information aus erster Hand würde hier meiner Meinung nach, gegen ungerechtfertigte Kritik helfen.


Maximilian Busenius

Wie bist du auf die Idee gekommen, zur Jagd zu gehen?

Ich bin „familiär total vorbelastet“ - und außerdem im Sauerland aufgewachsen. Der Vater ist zur Jagd gegangen, meine Mutter und beide Geschwister haben einen Jagdschein, wir haben hinterm Haus immer geangelt und so weiter, also ich bin da quasi seit der Kindheit herangeführt worden.

Das scheint typisch zu sein. Sind alle Jäger Jägerkinder?

Viele schon, aber nicht alle. Es gibt einige ältere Semester, die einfach nach einem schönen Hobby in der Natur suchen. Dann gibt es die, die „über das Thema“ rankommen. Ich studiere Forstwissenschaft, da fangen viele einfach aus Interesse an, den Jagdschein zu machen. Und dann ist da noch die Gruppe derer, die sich immer mehr dafür interessieren, wo ihr Essen herkommt und wie es produziert wird. Also ich denke, das wird sich in Zukunft mehr vermischen.

Warum interessieren sich immer mehr Frauen für den Jagdschein?

Ich persönlich finde das wirklich gut, dass das so ist. Ich bin ja noch jung, aber als ich angefangen habe, mit auf die Jagd zu gehen, war eine Frau – bis auf meine Mutter bei einer Treibjagd vielleicht – wirklich ein seltenes Phänomen. Für mich macht es überhaupt keinen Unterschied, ob jetzt eine Frau zur Jagd geht oder ein Mann. Und ich denke auch, die Art und Weise, wie das dann vonstattengeht, ist nicht vom Geschlecht abhängig.

Jagen Frauen anders als Männer? Welche Unterschiede gibt es?

Ich würde da immer vom individuellen Menschen ausgehen. Ich kenne Frauen, die sind jagdlich nicht so passioniert wie männliche Kollegen – und andersrum genauso. Ich denke, das liegt am Charakter, nicht am Geschlecht. Bei einem Chirurgen würde man ja auch nicht fragen „Operieren Frauen anders als Männer?“ Und da sehe ich auch die Gründe für die immer noch krass unterschiedliche Verteilung unter den Jagdscheinbesitzern – das ist kulturell bedingt und liegt nicht daran, dass Frauen „an sich“ nicht gut jagen können (lacht), das wäre doch totaler Quatsch. Ich denke mal, in 50 Jahren wird das Verhältnis nicht mehr so extrem sein.

Warum muss gejagt werden? Muss überhaupt gejagt werden?

Also, natürlich ist die Jagd irgendwo auch traditionell bedingt. Das ist eine Tradition, die ich persönlich schön finde und die ich weiter pflegen will. Auf der anderen Seite kann ich auch verstehen, wenn Leute sagen, dass die Jagd nicht mehr angebracht ist, weil sie auch in einigen Bereichen wirklich nicht nötig ist. Wo es aber zum Beispiel um invasive Arten geht, die die Biodiversität verrücken und einheimische Arten vertreiben, wie zum Beispiel den Waschbären, redet man dagegen schon eher vom Jagen als Schädlingsbekämpfung. Ein weiteres Feld wären zu große Schwarzwildbestände. Die sind ja nicht so groß, weil wir Jäger die züchten oder so; die finden einfach immer bessere Lebensbedingungen, auch in Menschennähe, vor.

Fällt es schwer, ein Lebewesen zu töten?

Ich glaube, das ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Für mich ist die Intention am wichtigsten: Wir Jäger töten ja nicht einfach ein Tier, nur um es zu töten. Wir produzieren Lebensmittel daraus, wir verhalten uns dabei nach ganz strengen Regeln, in sehr engen Grenzen. Das ganze Tier wird verarbeitet und verwertet. Isoliert betrachtet, kann ich den Gedanken natürlich verstehen, nach dem Motto „Das ist doch Mord!“, aber wer sich im Supermarkt eine Salami kauft oder andere Tierprodukte, der sollte schon mal drüber nachdenken, bevor er uns Jäger so angreift.

Was bereitet dir die größte Freude beim Jagen?

Für mich ist es die Kombination aller Elemente. Ich gehe unheimlich gerne auf den Ansitz, vor allem morgens, wenn der Tag gerade erwacht oder im Winter gehe ich gerne nachts, weil das einfach so eine unglaubliche Kulisse ist. Dann spielt bei mir auch die Hundearbeit eine wichtige Rolle, das ist ja nicht nur unverzichtbar, sondern macht einfach total viel Spaß – also ich könnte da gar nichts besonders hervorheben. Der eigentliche Schuss ist für mich jedenfalls nicht so der Punkt. Klar, wenn man zum ersten Mal was schießt, ist das vielleicht ein Wahnsinnsding; mir ist es heute viel wichtiger, die ganze Erfahrung auch teilen zu können, wenn ich mit Freunden zur Jagd gehe.

Was sind die größten Vorurteile, denen du immer wieder begegnest?

Ach, ich denke, das ist im Prinzip überall dasselbe. Es gibt ja auch Jäger, die überhaupt nicht verstehen können, wie man Vegetarier sein kann. Ich kann das gut verstehen! Also insofern würde ich sagen, sind wir immer mal wieder mit den „Klassikern“ konfrontiert; wir wären alle Waffennarren, wir würden vom Aussterben bedrohte Tierarten einfach abknallen der Trophäen wegen, und so weiter. Das Problem ist hier wie da, dass eine große Gruppe mit ziemlich exotischen Extrembeispielen umgehen muss. Irgendein Arzt schießt in Afrika einen Löwen – und „die Jäger“ sind alle nicht mehr ganz bei Trost. Das ist bei uns nicht anders als in der Politik; das lässt sich alles aus der Welt schaffen, wenn man vernünftig miteinander redet.

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Theresa Finke - @jagteres3005

Maximilian Busenius - @the.passionist