Mehr und mehr Frauen und auch Männer empfinden Schönheitsideale als Bürde. Es kann hart sein, ihnen nicht zu entsprechen. Schon junge Mädchen kontrollieren ihr Gewicht und vergleichen ständig ihr Aussehen. Hat Schönheit heute, unter anderem durch die gewaltige Macht der Bilderindustrie, auch ein unterdrückerisches Element?

Ich glaube nicht, dass Schönheit ein unterdrückerisches Element hat. Ich glaube eher, dass es etwas mit Zugehörigkeit zu tun hat. Im Netz und vor allem auf Instagram begegnen die jungen Menschen Bildern von scheinbar sehr erfolgreichen anderen jungen Menschen, die ihren Körper zur Schau stellen. Diese Körper entsprechen unseren vermeintlichen Schönheitsidealen: schlank, trainiert, definiert, gebräunt und gesund. Gepaart mit wenig markanten, sondern eher angepassten, feinen Gesichtszügen. Dazu zeigen sie sich fröhlich, glücklich und aktiv. Viele junge Menschen möchten dieser Gruppe angehören. Sie erhoffen sich diese Zugehörigkeit, wenn sie zumindest diesen Körper haben. Und daraus schließen sie, dann auch glücklich und erfolgreich werden zu können. Es spornt sie an, sie haben eine Vision.

Diese Zugehörigkeit oder Einbindung in eine Gruppe ist evolutionär gesehen von großer Wichtigkeit. Nur gemeinsam konnte man überleben. Auch wenn diese Bilderindustrie eine gewaltige Macht hat, gibt es im Internet auch viele Gegenbewegungen. „Bodypositivity“ zum Beispiel. Wenn man nicht dem Schönheitsideal entspricht, wie die meisten von uns, und Rundungen, Unebenheiten, Pigmentverschiebungen oder was auch immer hat, kann man sich trotzdem schön finden. Das ist eine Entwicklung, die ich sehr begrüße.

Gemeinsam mit Ihrer Kollegin haben Sie 2015 das Onlinemagazin TheWhyNot gegründet. Hier dreht sich alles rund um das Reisen, Mode, aber auch Kunst. Sie selbst sind Künstlerin und Kuratorin, was ist für Sie ästhetisch, und ist ästhetisch gleich schön?

Es geht für mich bei der Ästhetik um eine Harmonie und Ausgewogenheit. In der Kunst wird der Goldene Schnitt als Gestaltungsmittel verwendet, um ein Bild oder eine Fotografie harmonisch erscheinen zu lassen. In diesem Goldenen Schnitt entsteht eine Vollkommenheit durch die Gleichheit der Proportionen im Aufbau des Bildes.

Aber auch wenn es darum geht, eine Ausstellung zu kuratieren oder mehrere Künstler oder Kunstwerke zueinanderzubringen, habe ich gewisse ästhetische Ansprüche, dass im Aufbau des großen Ganzen eine Harmonie entsteht. Ob es dann am Ende schön ist, ist gerade in der Kunst nicht wichtig, denn Kunst hat nicht schön zu sein. Auch das Hässliche kann übrigens wieder eine Ästhetik haben. Es muss halt nur ins große Ganze passen.

In meiner Kunst versuche ich unbedingt eine Harmonie zu schaffen. Das Bild muss „rund sein“, es muss alles im Fluss sein. Das betrifft den Bildaufbau, die Blickführung des Betrachters, die Farbkompositionen, die Dynamik, aber auch die Geschichte oder das Thema, das ich beleuchte, und die sinnliche Erfahrung, die der Betrachter erlebt. Es muss alles zusammenpassen und dadurch eine gewisse Anziehung haben. Man muss mit dem Blick im Bild verharren, obwohl man gar nicht genau weiß, warum.

Welche Gründe könnten Menschen Ihrer Meinung nach haben, ihr Äußeres durch chirurgische Eingriffe zu verändern, und was halten Sie davon?

Man darf erst mal nicht vergessen, wo die Plastisch-Ästhetische Chirurgie ihren Anfang hatte. Nach dem Krieg gab es Menschen mit starken Verletzungen im Gesicht, die operiert werden mussten. Die Ärzte haben sich bemüht, den häufig sehr stark entstellten Menschen wieder ein Gesicht zu geben. Mittlerweile gibt es mehrere Formen der Plastisch-Ästhetischen Chirurgie. Abgesehen von den Menschen, die bei starken Verletzungen oder schweren Krankheiten die Möglichkeit haben, sich einer Operation zum Aufbau von Körperteilen zu unterziehen, gibt es die Operationen als Grenzöffner, Träumen von Schönheit entgegenzukommen. Wo nun Schönheit anfängt und aufhört, ist schwer zu bemessen. Durchaus liegen bei vielen Menschen die Beweggründe in einem mangelnden Selbstbewusstsein, geringem Selbstwert und anderen psychischen Unausgewogenheiten. Da möchte ich es mir nicht anmaßen zu sagen: „Leute, bekommt erst mal euer Leben auf die Reihe, dann erscheint euch eure Nase auch nicht mehr zu groß oder eure Brust zu klein.“ Wenn es die Möglichkeiten gibt, diese Veränderungen vornehmen zu lassen, soll jeder für sich entscheiden, was er mit seinem Körper anstellt. Ob das am Ende dann schön ist, sei dahingestellt.

Absolut verstehen kann ich es bei Frauen, die zum Beispiel unter extremen Veränderungen ihres Körpers nach der Schwangerschaft leiden. Bauchdeckenbrüche, Brüste, die komplett aus der Form geraten sind, und was es noch alles gibt. Ich kann es verstehen, dass eine Frau sich einer Operation unterzieht, wenn sie die Möglichkeit hat. Absolut!

Am Ende optimieren wir im Kleinen alle unseren Körper. Für mich persönlich kommt eine größere Operation nicht infrage, solange es nicht einen medizinischen Grund gibt oder ich durch irgendein Einwirken entstellt wurde.

TheWhyNot

TheWhyNot das sind wir: Jantra Kress-Bleiziffer und Carolin Samson. Bei dem, worüber wir schreiben, bleiben wir unserer beruflichen Passion treu, nämlich der Mode und der Kunst. Reisen und Interior sind unsere Leidenschaften und haben uns mit der Zeit zu Expertinnen auf diesem Gebiet werden lassen. TheWhyNot als Art & Lifestyle Magazin publiziert Reportagen über junge Künstler, gute Ausstellungen, neue Fashionlabels und einzigartige Manufakturen.

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