Für Hannes Becker (@hannes_becker) ist der Norden weit mehr als nur ein Reiseziel – er ist ein Gefühl. Der Outdoor-Fotograf zeigt, warum raue Landschaften und kühle Temperaturen heute eine besondere Anziehungskraft haben. Seine Perspektive eröffnet einen neuen Blick auf modernes Reisen.

Hannes Becker
Outdoor-Fotograf
Reisen in nördliche Regionen Europas wirken derzeit auf viele Menschen besonders attraktiv. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass gerade rauere Landschaften, Weite und kühleres Klima so eine starke Sehnsucht auslösen?
Ich glaube, das hat viel mit einem grundlegenden Wandel im Reiseverhalten zu tun. Ich selbst war noch nie der klassische Urlaubstyp, der sich einfach eine Woche an den Strand legt, um möglichst wenig zu tun – auch wenn ich absolut verstehen kann, dass genau das für viele Menschen Erholung bedeutet. Bei mir war Reisen immer eher mit Bewegung, mit Entdecken und mit einem gewissen Drang nach draußen verbunden. Und ich habe das Gefühl, dass sich dieses Bedürfnis inzwischen bei vielen verändert hat. Menschen wollen heute oft mehr als nur abschalten – sie wollen etwas erleben, etwas fühlen, vielleicht sogar sich selbst ein Stück weit neu begegnen. Social Media spielt dabei sicherlich eine Rolle, weil es uns ständig Orte zeigt, die fernab vom klassischen Massentourismus liegen und eine ganz andere Ästhetik vermitteln.

Gleichzeitig hat sich gerade in den letzten Jahren auch das Bewusstsein vieler verändert. Themen wie Nachhaltigkeit, Achtsamkeit oder bewusster Konsum spiegeln sich auch im Reisen wider. Der Norden steht dabei fast sinnbildlich für eine Art Gegenbewegung: weniger überladen, weniger laut, weniger perfekt inszeniert. Diese rauen Landschaften, die Weite, das oft kühle, wechselhafte Klima – all das erzeugt eine ganz eigene Form von Ruhe, die nicht unbedingt bequem ist, aber sehr ehrlich. Es ist eine Ruhe, die nicht durch Komfort entsteht, sondern durch Reduktion. Man ist draußen, den Elementen ausgesetzt, und genau das macht es so intensiv. Ich glaube auch, dass viele Menschen heute bewusst Orte suchen, an denen sie sich ein Stück weit „verlieren“ können – im positiven Sinne. Orte, die nicht durchgetaktet sind, die Raum lassen für eigene Gedanken. Und genau das findet man im Norden sehr häufig.
Ihre Fotos zeigen oft minimalistische Landschaften mit viel Raum, Licht und Ruhe. Was unterscheidet die Bildsprache dieser Regionen von klassischen Postkartenmotiven aus südlichen Urlaubsdestinationen?
Für mich ist es vor allem die Kombination aus Licht, Wetter und Landschaft, die diese Regionen so faszinierend macht. Das Licht im Norden ist oft unglaublich weich und gleichzeitig sehr vielschichtig. Es verändert sich schnell, ist nie statisch und schafft dadurch ständig neue Situationen. Während man in südlicheren Regionen oft sehr klare, harte Lichtverhältnisse hat, ist es im Norden eher ein Spiel aus Nuancen. Wolken, Nebel, Regen oder Schnee wirken wie ein natürlicher Filter, der Szenen verändert und ihnen Tiefe verleiht. Ich arbeite sehr bewusst mit diesen Bedingungen. Schlechtes Wetter ist für mich kein Hindernis, sondern oft sogar die Voraussetzung für interessante Bilder. Gerade Nebel oder Regen erzeugen eine gewisse Stimmung, die man mit „schönem“ Wetter so nicht erreichen würde.
Was viele dabei unterschätzen: Diese Art der Fotografie erfordert sehr viel Geduld. Man ist oft stundenlang draußen, ohne zu wissen, ob sich die Situation überhaupt so entwickelt, wie man es sich erhofft. Es gibt Tage, an denen man mit keinem einzigen Bild zurückkommt – und dann gibt es diese Momente, in denen plötzlich alles zusammenpasst. Diese Ungewissheit gehört für mich dazu. Sie macht den Prozess intensiver und die Ergebnisse am Ende auch wertvoller.
Für mich ist es vor allem die Kombination aus Licht, Wetter und Landschaft, die diese Regionen so faszinierend macht.

Für mich ist es vor allem die Kombination aus Licht, Wetter und Landschaft, die diese Regionen so faszinierend macht.
Wie hat sich Ihr Blick auf Reisen und Fotografie im Laufe der Jahre verändert?
Am Anfang war ich sehr stark auf Ergebnisse fokussiert. Ich hatte bestimmte Bilder im Kopf und wollte diese möglichst genau umsetzen. Das war auch eine wichtige Phase, um ein Verständnis für Komposition, Licht und Technik zu entwickeln. Mit der Zeit hat sich mein Blick aber deutlich verändert.
Heute ist der Weg für mich wichtiger als das Ergebnis. Ich nehme mir bewusst mehr Zeit, bleibe länger an einem Ort und versuche, ihn wirklich zu erleben – nicht nur durch die Kamera, sondern auch ohne sie. Ich beobachte viel mehr, lasse Dinge auf mich wirken und versuche, ein Gefühl für die Umgebung zu entwickeln. Dadurch entstehen Bilder, die weniger geplant sind, aber oft eine stärkere emotionale Ebene haben. Ich glaube, das ist ein Prozess, den viele durchlaufen – weg vom reinen „Sammeln“ von Bildern hin zu einem tieferen Verständnis für Orte und Momente. Es geht weniger um Quantität und mehr um Qualität, weniger um Perfektion und mehr um Authentizität.

Social Media kann Orte innerhalb kürzester Zeit weltbekannt machen. Wie reflektieren Sie als Fotograf die Verantwortung, die mit dieser Reichweite einhergeht?
Es ist ein sehr ambivalentes Thema. Auf der einen Seite hat Social Media mir unglaublich viele Möglichkeiten eröffnet. Ich kann meine Arbeit zeigen, Menschen erreichen und mich mit anderen Kreativen austauschen. Auf der anderen Seite bringt es aber auch einen gewissen Druck mit sich. Man ist ständig mit neuen, beeindruckenden Bildern konfrontiert, und es entsteht schnell das Gefühl, mithalten zu müssen oder sich sogar übertreffen zu müssen. Ich habe für mich gelernt, da bewusst Abstand zu nehmen. Es ist wichtig, sich nicht zu sehr von äußeren Erwartungen leiten zu lassen. Wenn man anfängt, nur noch für Likes oder Reichweite zu arbeiten, verliert man schnell den eigenen Antrieb. Für mich ist es entscheidend, authentisch zu bleiben und meinen eigenen Stil zu verfolgen. Ich möchte Inhalte schaffen, die für mich persönlich eine Bedeutung haben – unabhängig davon, wie sie performen.
Viele Menschen sehnen sich nach „authentischen“ Reiseerlebnissen. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Authentizität bedeutet für mich vor allem, sich wirklich auf einen Ort einzulassen. Das heißt auch, sich Zeit zu nehmen und nicht zu versuchen, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erleben. Es bedeutet, sich auf das einzulassen, was vor Ort passiert – auch wenn es nicht dem ursprünglichen Plan entspricht. Gerade im Norden spielt das Wetter eine enorme Rolle, und es zwingt einen oft dazu, flexibel zu sein. Ich finde, genau darin liegt der Reiz. Die besten Erlebnisse sind oft die, die man nicht planen kann. Wenn man sich darauf einlässt, entsteht eine ganz andere Verbindung zu einem Ort.

Millionen Menschen fotografieren heute mit dem Smartphone. Was sind aus Ihrer Sicht drei einfache Dinge, die jeder Reisende beachten kann, um bessere Bilder mit nach Hause zu bringen?
Ein wichtiger Punkt ist, die eigenen Erwartungen zu hinterfragen. Viele Bilder, die man online sieht, entstehen unter sehr spezifischen Bedingungen und sind oft das Ergebnis von viel Vorbereitung und Geduld. Man sollte sich davon nicht entmutigen lassen, sondern den eigenen Weg finden. Geduld ist dabei wahrscheinlich der wichtigste Faktor. Gute Bilder brauchen Zeit – und manchmal auch mehrere Anläufe. Gleichzeitig ist Vorbereitung wichtig. Sich mit der Umgebung, dem Wetter und den Lichtverhältnissen auseinanderzusetzen, hilft enorm. Aber man sollte sich auch die Freiheit lassen, spontan zu reagieren.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Sie beim Reisen und Fotografieren?
Eine sehr große. Wenn man viel Zeit in der Natur verbringt, entwickelt man automatisch ein Bewusstsein dafür, wie sensibel viele dieser Orte sind. Ich versuche, so respektvoll wie möglich mit der Umgebung umzugehen und meinen Einfluss zu minimieren. Das betrifft nicht nur mein Verhalten vor Ort, sondern auch die Art und Weise, wie ich Orte darstelle. Gerade durch Social Media kann ein Ort schnell sehr populär werden – und das hat oft direkte Auswirkungen. Deshalb finde ich es wichtig, hier verantwortungsvoll zu handeln und nicht jeden Ort uneingeschränkt zu teilen.
Gibt es Orte oder Momente, die Sie besonders geprägt haben?
Ja, und es sind oft nicht die spektakulären, sondern die stillen Momente. Augenblicke, in denen man allein in der Natur ist und sich ganz auf das konzentrieren kann, was um einen herum passiert. Diese Momente haben oft eine besondere Intensität, weil sie nicht inszeniert sind. Sie passieren einfach – und genau das macht sie so wertvoll. Gerade im Norden habe ich viele solcher Erfahrungen gemacht. Diese Kombination aus Weite, Ruhe und gleichzeitig großer Dynamik durch das Wetter schafft eine Atmosphäre, die man so kaum woanders findet.
Was treibt Sie heute an, weiterhin zu reisen und zu fotografieren?
Es ist vor allem die Neugier und der Wunsch, Dinge immer wieder neu zu entdecken. Selbst Orte, die ich schon oft besucht habe, wirken jedes Mal anders. Ich habe gelernt, dass es nicht darum geht, immer spektakulärere Bilder zu machen, sondern bewusster zu arbeiten. Es geht darum, Momente einzufangen, die für mich persönlich eine Bedeutung haben. Am Ende ist es genau diese Verbindung aus Natur, Erfahrung und Fotografie, die mich antreibt – und die mich immer wieder dazu bringt, aufzubrechen und neue Perspektiven zu suchen.
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