Musical „Wir sind am Leben“ von Peter Plate und Ulf Leo Sommer im Stage Theater des Westens in Berlin
Berlin steht wie kaum eine andere Stadt für Wandel, Freiheit und Neuanfang – und genau davon handelt das Musical „Wir sind am Leben“. Die Inszenierung nimmt das Publikum mit in das Berliner der 90er-Jahre zeigt eine Zeit, die nach dem Mauerfall von Aufbruch, aber auch von Unsicherheit geprägt war.
Der Einstieg über ein Sorgentelefon ist dabei besonders gelungen
Die Sorgen und Ängste der Menschen werden hörbar gemacht und schaffen sofort eine emotionale Nähe. Themen wie Einsamkeit, Krankheit, Arbeitslosigkeit, der Wunsch nach Erfolg und Anerkennung oder das Bedauern über gescheiterte Träume und verpasste Chancen ziehen sich durch die Handlung – und wirken auch heute noch erstaunlich aktuell. Dadurch entsteht von Anfang an ein Bezug, der unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft funktioniert.
Gleichzeitig greift das Stück mit der Aids-Krise ein Thema auf, das die damalige Zeit stark geprägt hat und dem Musical eine zusätzliche Ernsthaftigkeit verleiht. Auch Themen wie Homosexualität, Drag und Identität werden selbstverständlich und ohne Klischees erzählt – ein klares Statement für Offenheit und Vielfalt, das ebenso leise wie kraftvoll wirkt.

Das Bühnenbild und die Kostüme verorten die Geschichte klar in den 90ern, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Besonders überzeugend sind die Figuren: Sie sind nahbar geschrieben und werden von den Darstellerinnen und Darstellern glaubhaft verkörpert. Man fiebert mit, hofft mit – und vergisst dabei schnell, dass alles „nur“ gespielt ist.
Musikalisch zeigt sich das Musical vielseitig
Von Pop- und Rock-Balladen über durchdringende Ensemblenummern bis hin zu Techno und elektronisch geprägten Songs ist alles dabei. Die Lieder sind eingängig, abwechslungsreich und bleiben im Kopf – getragen von starken Stimmen und viel Energie auf der Bühne.

Mit einer Laufzeit von rund drei Stunden inklusive Pause bleibt „Wir sind am Leben“ durchgehend spannend. Die Geschichte erinnert daran, wie wichtig Zusammenhalt ist und dass Familie nicht nur durch Blutsverwandtschaft definiert wird. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie wertvoll unsere Zeit auf dieser Erde ist – und dass man sie nutzen sollte. Oder, wie es Bruno, der absolute Publikumsliebling neben der ehemaligen Ossi-Friseursaloninhaberin Rosie – vortrefflich gespielt von Steffi Irmen –, es treffend sagt:
Auch, wenn es fünf vor zwölf ist, hab ich noch fünf Minuten.
Am Ende hält es niemanden auf den Sitzen: Es wird mitgeweint, mitgetanzt und mitgesungen, sowohl von Musical-Fans als auch von Leuten, die mit dem Genre andernfalls vielleicht nicht so viel anfangen können. „Wir sind am Leben“ ist ein Musical, das unterhält, berührt und noch eine Weile nachwirkt – genau wie die Stadt, in der es spielt.


