Keine Zukunft ohne Vergangenheit“ - was fällt Ihnen dazu ein?

Oh, gleich philosophisch. (lacht) Eines der größten jungen Talente am Klavier, Daniil Trifonov, sagte kürzlich vor seinem Debut an der Carnegie Hall in New York, dass seine größte Herausforderung beim Musizieren ist, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer Einheit werden zu lassen. Wirklich hören kann man aber nur den Moment, in dem man spielt. Das unglaublich faszinierende an der menschlichen Art, Musik zu produzieren und wahrzunehmen ist aber, dass man gleichzeitig das Verklungene, das gerade Klingende und die Vorstellung von dem, was gleich klingen wird, in seinem Gehirn zusammensetzen kann. Je besser man das kann, desto besser auch die Chancen auf echte Musik. Ein sehr schönes Gleichnis.

Genauso ist es nämlich mit der klassischen Musik im Allgemeinen, worauf Ihre Frage vermutlich zielte. Gute Musik altert nicht, weil sie immer wieder neu produziert wird. Und damit meine ich nicht nur neue Aufführungen, sondern auch jedes Mal dann, wenn Musik von jemandem angehört wird. Dann entsteht sie neu. Im Kopf und Herzen des Zuhörers. Und auch, wenn es immer wieder Unkenrufe gibt: Die Konzertsäle sind voll. Die Opernhäuser und Festivals auch. Das symphonische Orchester ist eine der phantastischsten und komplexesten Errungenschaften unserer Kulturgeschichte.

Und selbst die, die meinen, sie würden nie symphonische Musik hören, erinnern sich bitte an ihren letzten Kinobesuch. Großes Kino ohne Orchestermusik ist beinahe undenkbar. Egal, ob Romanze, Thriller oder Action.

Und was die Zukunft betrifft, wäre es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn diese Zweige der klassischen Musik wieder zusammenfinden. Die Oper war schließlich so etwas wie das Hollywood des 19. Jahrhunderts.

Sie sagten einmal, dass Ihre Leidenschaft für die Musik durch den Tanz begann. Bitte gehen Sie näher darauf ein. Wie ist Ihre Leidenschaft zur Musik entstanden?

Nicht wirklich. Ich habe lange musiziert, bevor ich im zarten Alter von 23 Jahren mit dem Tanzen anfing. Mit 16 Jahren habe ich sogar mal einen Klavierwettbewerb gewonnen. Und dann irgendwann kam das Tanzen. Trotz meines ultra-späten Starts habe ich noch ein passable Karriere als Halb-Solist an einer großen deutschen Staatsoper hinbekommen, durfte Solorollen in den großen romantischen Balletten wie „Schwanensee“, „Nussknacker“ und „Giselle“ tanzen und auch viele moderne Rollen interpretieren. Das Witzige ist nur: Wenn ich zurückblicke ist das, was mir am Meisten fehlt, der Luxus, jeden Tag gratis symphonisches Orchester hören zu dürfen.

Und wie hat sich diese dann weiterentwickelt?

Ich habe viel musiziert und auch extrem viel Musik gehört. Während meiner Zeit als Dokumentarfilmproduzent habe ich mir auch bisweilen den Luxus geleistet, die Filmmusik selber zu schreiben und zu produzieren. Außerdem moderiere ich seit ca. 5 Jahren die „Operngespräche“ bei denen ich das Glück habe, prominente Gäste aus der Opernwelt zu ihren Premieren zu befragen.

Was ist Ihnen innerhalb der Zeit an der Staatsoper in Hannover am intensivsten in Erinnerung geblieben?

Eindeutig meine Rolle als „Rotbart“ in Schwanensee. Das lag mir einfach. Ich fand es immer schon langweilig, der Prinz zu sein. Die Bösen sind viel interessanter.

Klassik TV, ein Streaming Dienst für Musikliebhaber, wie entstand die Idee?

Die hatte ich komischerweise gar nicht selber. Mein damaliger Partner in der Filmproduktion kam damit an, ohne zu realisieren, was er damit beim mir anrichtete. Seither bin ich süchtig.

Klassik.TV ist meine Leidenschaft und meine Droge. Und, wie man an unseren Usern sehen kann: Sie ist ansteckend. Hochgradig stimulierend – aber gesundheitlich völlig unbedenklich.